NZfM 25 - 1846/2

Zwei Opernvorstellungen in Potsdam, in: NZfM 25 (1846/2), Nr. 34, 24. Oktober 1846, S. 137-138; 140-141
Es ist immer eine erfreuliche Erscheinung, wenn die Kunst an Orten ihre Tempel aufschlägt, zu denen sie früher nicht gelangen konnte. Wenn die Leistungen auch anfangs noch schwach sind, so werden diese sich einestheils während des Fortbestehens der Anstalt vervollkommnen lassen, anderntheils nothwendig dazu beitragen, im Publicum ein regeres Streben, ein helleres Verständniß in Beziehung auf Kunst im Allgemeinen hervorzurufen. Demzufolge können wir den Einwohnern Potsdams nur Glück wünschen zu dem Unternehmen des Hrn. Director Huth, der seit Kurzem ein selbstständiges Theater eingerichtet hat, welches am 27sten Sept. mit der Aufführung der Oper „Czaar und Zimmermann“ von Lortzing eröffnet wurde.
Einer Kritik des Hrn. Dr. ...s über die erste Darstellung dieser Oper zufolge (Vossische Zeitung Nr. 227), die uns fast glauben machen zu wollen schien, jene Bühne übertreffe unsere königliche Oper, beschlossen wir, der nächsten Aufführung selbst beizuwohnen, um im Stande zu sein, ein eigenes Urtheil darüber fällen zu können. Das Repertoir war für uns so günstig ge- [/138] stellt, daß wir an zwei aufeinander folgenden Abenden: Bellini’s Romeo und die Wiederholung des „Czaar“ hören konnten. Wenn es nicht zu leugnen ist, daß die Direction dieses neu errichteten Theaters einzelne Mitglieder gewonnen hat, die für ein Privattheater als eine wahre Zierde betrachtet werden können, so beweist dennoch die oben erwähnte Kritik eine nicht zu entschuldigende Ueberschätzung der einzelnen, wie der Gesammtkräfte, so daß uns vergönnt sein möge, unsere ganz unparteiische Meinung in einigen klaren, bestimmten Worten aussprechen zu dürfen. – [...]
[S. 140:] Das Ensemble der Aufführung des „Czaar“ unter Leitung des M.D. [Gustav] Kellner war um Vieles besser als des Romeo; sowohl Chor als Orchester hatten viel [/141] mehr Sicherheit und griffen entschiedener in einander. Man könnte deshalb geneigt sein, die Schuld der minder guten Aufführung des Romeo auf den Dirigenten, M.D. [Heinrich] Hauser, zu schieben, doch würde uns dies als sehr ungerecht erscheinen. Wir haben das Verfahren des Letzteren während der ganzen Aufführung genau beobachtet, und müssen ihm das Zeugniß geben, daß er mit großer Umsicht und Aufmerksamkeit dirigirte. Wenn dennoch oben besprochene Aufführung dem „Czaar“ um vieles nachstand, so liegt die Ursache wohl darin, daß eine leichte Spieloper sich mehr zur Darstellung auf einer kleinen Bühne eignet, als eine Opera seria; und namentlich eine italienische Oper, wegen der großen Recitative und vielerlei Freiheiten, die den Sängern dabei gestattet werden müssen, einem wenig geübten Orchester bei weitem mehr Schwierigkeiten darbietet. – Der Czaar wurde von Hrn. v. Milde gegeben. Wir lernten in ihm einen jungen Sänger kennen, der seine weiche, angenehme Stimme (wie es scheint durch guten Unterricht und vieles Hören bedeutender Sänger) auf das Vortheilhafteste ausgebildet hat. Hr. v. M. und Frl. Kerstan sind die beiden einzigen Mitglieder des Potsdamer Personals, die einen gerechten Anspruch auf den Namen Sänger zu machen haben. Nur schade, daß auch hier das Material zu schwach ist, um Hoffnung zu geben, daß Hr. v. M. einst zu wirklicher Bedeutsamkeit gelangen werde. Im Spiele vermißten wir noch die nöthige Freiheit, die sich aber bei den guten Anlagen des Künstlers bald einstellen wird. Hr. Meinhold (Iwanow) zeigte sich als ein recht gewandter Schauspieler. Er gab seine Rolle mit ächtem Humor, ja sogar mit einiger Vollendung. Als Sänger kann er jedoch nicht in Betracht kommen, da er weder Stimme noch Schule hat. Hr. Hesse (van Bett) war wirklich vortrefflich. Für einen Baßbuffo ist die Stimme schon ausreichend; seine Komik war sehr ergötzlich und hielt sich fern von unschöner Uebertreibung. Fräul. Schulz (Marie) war ebenfalls ganz allerliebst, spielte mit vieler Naivität, und würde als vortreffliche Soubrette zu erwähnen sein, wenn ihre Stimme mehr Ton besäße, und sie überhaupt noch besser ausgebildet wäre. Da Frl. S. übrigens recht musikalisch zu sein scheint, so würde es ihr nicht schwer fallen, mehr Sorgfalt auf die Ausbildung einzelner Töne zu verwenden, die höchst ungleich, und namentlich in dem Uebergange vom mittleren zum höheren Register oft schwach klingen. [...]