NZfM 22 - 1845/1

Hagen, Theodor: Hamburger Briefe. An Maria, in: NZfM 22 (1845/1), Nr. 52, 28. Juni 1845, S. 214-216
S. 215: [...] Vor einiger Zeit habe ich denn auch erfahren, was Undinen sind. Daß ich’s nicht wußte, wird Sie nicht überraschen; die Erde macht mir schon genug zu schaffen, und ich habe weder Zeit noch Lust, mich um Wassernixen zu bekümmern. Uebrigens bin ich Lortzing vielen Dank schuldig, er hat mein Wissen um ein Bedeutendes bereichert: Jetzt weiß ich z. B. daß es nicht blos auf Erden seelenlose Geschöpfe giebt, sondern auch im Wasser. Lortzing hätte mit seiner Oper später kommen müssen. Jetzt, wo Jenny Lind die Gemüther so lange gefesselt hielt, kann eine Wassernixe, ein seelenloses Wesen wenig Theilnahme erwecken. Die Oper ist im Allgemeinen kein glücklicher Wurf des begabten Lortzing; man merkt nur zu leicht, daß die Romantik nicht des Componisten Sache ist. Sein Element ist die Komik, will er sich aber in ein fremdes wagen, so möchte es ihm ergehen, wie seiner „Undine“, die sich auch im Wasser besser bewegen kann, als auf der Erde. Die Partitur seiner neuen Oper muß sehr dick sein, denn die erste Vorstellung dauerte vier Stunden. Es schmerzt mich, sagen zu müssen, daß nur sehr wenig Seiten dieser Partitur mit etwas Andererm beschrieben sind, als – Noten, nämlich mit frischer, lebendiger Musik. Alle komischen Duette und Trinklieder gehören auf diese Seiten, das Uebrige ist so ziemlich ‚todter Kram’. Daß aber Lortzing in eine romantische Zauberei einen Dialog flicken konnte, der mit dem Gesange abwechselt, das habe ich seiner Gewandtheit nicht zugetraut. Zu Zeiten des Freischütz ließ sich das Publicum so etwas gefallen, aber jetzt versagt es gerade das, was bezweckt wird, nämlich Effect. Ich spreche gar nicht einmal von der Aesthetik, die den Mischmasch von Dialog und Gesang in einer Oper verwirft, sondern von der Effectlosigkeit eines solchen Verfahrens. Wer das Publicum beobachtet, oder vielmehr studirt hat, wird wissen, daß dasselbe durch nichts so sehr abgespannt und zur Langeweile gestimmt wird, [/216] als durch das Zuviel und eine zu große Mannichfaltigkeit in künstlerischen Dingen. Die Componisten glauben in der Regel das Gegentheil, aber sie täuschen sich, denn die Erfahrung lehrt, daß eine Oper, die reich an Ballet, an Decorationen, Maschinerien, Evolutionen aller Art ist, und die noch nebenbei ein Lustspiel in guter oder schlechter Prosa enthält, bei weitem weniger Erfolg hat, als z. B. Stradella [von Friedrich von Flotow], die von dem Allen nichts hat. Die sogenannten Spectakelopern können das Publicum nur einmal heranziehen, dahingegen kann eine einfache Opernmusik ohne weiteren Schmuck solches zu wiederholten Malen bewerkstelligen. Man gebe im Opernfache wenig, aber Gutes, Praktisches, und der Reiz wird nicht so leicht dahinschwinden. In der Lortzing’schen Oper wird viel, sehr viel gegeben, neben der Hauptintrigue komische Episoden en masse, Zaubereien, prachtvolle Decorationen usw., und trotz dem Allen ist das Publicum schon jetzt gesättigt, und die Oper ist für Hamburg ein todtgebornes Kind mit einigen interessanten Gesichtszügen.