| Ich stelle
diese, einem Freundesherzen entquollenen poetisch-gefühlvollen Worte
gern an die Spitze des nachfolgenden Gesprächs, obgleich Lortzing
selbst über die Schlußbehauptung gelächelt haben würde.
Daß seine Musik in die Zukunft hineintönen werde, hat er sicherlich
niemals gehofft. Er war ein Mann der gegenwart. Er fand bei einem großen
Theile des Theaterpublicums das stark gewordene Verlangen vor, nach den
schrecklichen und grauenhaften Schicksalen, die mit überkünstlichen
Toncombinationen und instrumentalem Donnergeräusch begleitet auf der
Bühne vorübergeführt werden, und Ohr und Seele mehr peinigen
als erfreuen, sich einmal wieder an gemüthlich heiteren Begebenheiten
und Tönen zu erquicken. Dieses Bedürfniß verstand er in
einigen seiner anspruchslosen Erzeugnisse auf ziemlich geschickte Weise
zu befriedigen. Eine nachhaltige Wirkung liegt freilich nicht darin. Sie
werden bald den Weg gehen, den die Tonwerke viel größerer Meister
vor ihm haben gehen müssen. Ist es doch überhaupt sehr problematisch,
ob außer dem Volkslied irgend ein Musikalisches Werk ewig leben wird.
Was die Erfahrung uns bis jetzt darüber gesagt, gibt wenig Hoffnung
dazu.
Wie dem auch
sei, war Lortzing kein großer Musiker, so war er doch ein artiges
Talent, ein interessanter, herzensguter Mensch, und besaß ein reichere
Bildung, als Viele in ihm geahnt und gesucht haben mögen. Letztere
besaß er durch eigenes Studium, und sie ist um so mehr an ihm zu
schätzen, als er sich dieselbe unter sehr ungünstigen Umständen
und Beschränkungen entwerben mußte. Aber er prahlte nicht mit
seinem Wissen, und ließ sich selten in tiefer eingehende Gespräche
über Kunst, Literatur und dergleichen ein. Er fühlte hierzu im
Allgemeinen wohl keine besondere Neigung, und bei seinem vorzugsweise in
Gesellschaft aufwachenden jovialen Sinn zog er ein heiteres, leichtes,
selbst leichtfertiges Gespräch vor. Das Ernste verarbeitete er still
in sich daheim zu gesammelter Stunde. Als die Sonne des Ruhms ihm aufging,
fast gleichzeitig aber auch Neid und Noth sich einfanden, wurde er ernster.
Des Daseins freundliche Blüthen welkten ihm, und weniger reichlich
als in früheren besseren Zeiten sprudelte die heitere Quelle, bis
sie in der letzten Periode seines Lebens fast ganz versiegte. Der ihm gewohnt
gewordenen Ausdrucksweise blieb er jedoch selbst in seinen trübsten
Stimmungen treu.
Der Zufall
führte mich an einem schönen Sommerabende in den Garten eines
Dorfes nahe bei Leipzig, wo Lortzing allein an einem Tische saß.
Wie gewöhnlich, wenn nur zwei Personen mit einander Verkehren, bewegte
sich auch unser Gespräch bald in ernsteren Bahnen, bis der Verlauf
desselben die Rede auf seine dermalige Beschäftigung brachte.
"Ich habe mich
jetzt an eine ernsthafte, romantische Oper gemacht", sagte er. "Das Märchen
von der schönen Undine hatte stets etwas Anziehendes für mich.
Ob ich das Zeug dazu habe, weiß ich nicht. Versucht wird's! probemus!
Was man nicht kann, muß man zu lernen suchen."
Da haben wir
wol ein durchcomponirtes Werk zu erwarten? fragte ich.
Behüte
mich der Himmel davor!" rief er komisch - tragisch aus, so daß ich
mich eines Lächelns nicht enthalten konnte, und zu der weitern Frage
veranlaßt sah, ob er denn so großen Widerwillen gegen das Recitativ
hege.
"Ja und nein,"
erwiderte er. "Obligates Recitativ? Allen Respekt! Na, man wird doch wohl
herausfühlen, was Gluck, Mozart, Cherubini und Andere hierin geleistet?
Und nicht zu vergessen das große Recitativ in Marschner's Vampyr,
über das hinaus ich kein größeres, gewaltiger wirkendes
kenne. Ja, so lasz ich mir's gefallen! Allein dazu bedarf es des Durchcomponirens
einer Oper nicht, solche Prachtpflanzen kann auch ineiner Dialog-Oper anbringen,
wem das Genie dazu verliehen worden. Ich habe es nicht, und halte mich
darum gern an das leichtere Gute, was Figura mir als erreichbar und allen
Menschen zugänglich zeigt. Was schwafeln uns die Philosophen und Aesthetiker
nicht alles vor! Besieht man jedoch ihren gelehrten Krimskrams bei Lichte,
so ist nichts daran und dahinter, was sich auf Dinge zurückführen
ließe, wie sie uns Figura zeigt."
Sie lassen
also nur gelten, was Figura zeigt? fragte ich.
"Getroffen!"
fuhr Lortzing fort. "Es lebe die Empirie! Dank dem Vagabundenleben, das
ich den größten Theil meiner Jugend hindurch habe führen
müssen, den Vortheil bringt es, daß man beobachten und Rücksicht
nehmen lernt auf das was Figura zeigt."
Und in diesem
Falle, hob ich an, zeigte sie Ihnen ....
"Sie zeigte
mir," fiel Lortzing ein, "daß der größte Theil der Theatermenschheit
schon nach dem ersten Akte einer durchcomponirten Oper von einem unbehaglichen
Gefühl überschlichen wird. Und sagen Sie mir einmal aufrichtig
- im Vertrauen - er sah sich dabei komisch furchtsam um - wir sind allein,
es lauert kein ästhetischer Polizeimann auf unsere Worte, - sagen
sie mir offen, bereitet Ihnen das gewöhnliche Recitativ einen besondern
Genuß? He?"
Lortzing richtete
bei dieser Frage seinen jovialen Blick gespannt auf mich, als wolle er
in meinen Zügen lesen, ob ich mir in Gedanken eine offenherzige oder
diplomatisch-politische Antwort zurecht mache. Da es mir aber um seine
Ansicht zu thun war, so ließ ich als Antwort blos jenes unbestimmte
"Hm!" hören, wodurch man den Anderen gewöhnlich zur Fortspinnung
seines Gedankenentfadens reizt.
"Was ist das
Recitativ?" fuhr er auch sogleich fort. "Musik? Nun ja, eine ausgekleidete,
unter welcher ein Skelett erscheint, dem es an Fleisch und Blut fehlt.
Eine notirte Deklamation! Alle jene Dinge, welche der Musik ihren Reiz
verleihen, bestimmter Takt, Tonart, Rhythmus, Melodie, wohlklingende Instrumentation,
fehlen dem gewöhnlichen Recitativ. Deklamatorische Phrasen, dazwischen
Risse mit den Bässen, oder mit dem Streichquartett, dazu das unvermeidliche,
stereotype Tremulo, so geht es fort. Empfinden Sie wirklich einen musikalischen
Reiz dabei? Gewiß nicht!"
Viele vertheidigen
es aber doch mit Wärme, und müssen Gründe dazu haben, warf
ich ein.
"Nicht aus
wirklichem Bedürfniß eines warmen Musikgemüths thun sie
es," erwiderte er lebhaft, "sondern aus einem falschen Zweckmäßigkeitsgedanken.
Es sei natürlicher, sagen sie entweder gar nicht oder immer zu singen".
Und das werden
Sie doch wol zugeben müssen? bemerkte ich, um seine Meinung weiter
zu hören.
"Ja, das fehlte
mir noch!" polterte Lortzing heraus. "Also wenn nicht mehr in der Oper
gesprochen würde, wäre sie natürlicher? Schöne Logik
das! Nichts, kein Jota ist natürlich weder in der Dialog- noch in
der Recitativ-Oper, noch sonst an irgend einem Kunstwerk. Ist denn ein
Gemälde etwa natürlich in jenem Sinn? Ist das ein natürlicher
Mensch, der aus einer flachen Leinwand uns aufschaut?"
Ich gestehe,
warf ich ein, daß mir Ihr Gedanke nicht ganz klar ist.
"Na ein anderes
Beispiel denn," fuhr er fort. "Im Don Juan wird uns eine Statue gezeigt,
die auf einem Pferdesitzend plötzlich eine an sie gerichtete Einladung
annimmt, und später bei Don Juan wirklich als Gast erscheint. Sagen
Sie mir doch, was an dieser Scene natürliches ist? Wenn uns Einer
die Geschichte als wirklich geschehen erzählen wollte, würden
wir ihn für
verrückt halten.
"Nehmen wir
indessen einmal an, diese Begebenheit sei möglich, habe sich irgendwo
zugetragen. Nun aber auch wirklich auf der Leipziger Bühne mit Koulissen,
einem Orchester davor, einem zuschauenden Publicum in Parterre, Logen und
auf Gallerien, einem an der Decke schwebenden Kronleuchter u.s.w.? Don
Juan und der Geist hätten gesungen, Stegmeyer dazu unten mit einem
Stäbchen im Takt oder gegen den Takt in der Luft umhervagirt, vierzig
Musiker hätten zu diesem Gesange gegeigt, geblasen, Pfund mit der
Pauke dazu gedonnert? Ist da nicht auch in der Nachahmung Alles, von A
bis Z Unnatur? Und doch genirt sie keinen einzigen von den Zuschauern keinem
einzigen fällt es ein, daran zu denken, das Alles was ihm da vorgemacht
wird, mit dem Begriff der Natürlichkeit betrachtet, der reinste Unsinn
ist."
Und was folgern
Sie daraus? fragte ich.
"Zum Geier,
daß die Natürlichkeit in der Kunst eine andere ist, als die
in der Wirklichkeit; daß wenn die Kunst uns überhaupt etwas
sein soll, wir ihr von Haus aus eine Menge Unnatürlichkeiten zugestehen
müssen, und eben darin mit der Reiz der Kunst liegt, daß sie
mit ganz heterogenen Mitteln einen Täuschung hervorbringt, die uns
wie Natur erscheint."
Und daraus,
bemerkte ich, folgern Sie nun weiter, daß die Unnatürlichkeit
in der Oper bei dem Wechsel von Gesang und Dialog nicht größer
sei, als bei durchgängigem Recitativ?
"Unnatürlich
als erstere, behauptete ich, ist die letzetere," versetzte Lortzing.
Unnatürlicher?!
"Ja, in Bezug
nämlich auf unsere, auf die Menschennatur!"
Wie meinen
Sie das?
"Die Kunst
ist doch nur da, um in ein Verhältniß mit dem Menschen zu treten.
Wir haben eine Anzahl Eigenschaften, auf welche die Kunst so berechnet
sein muß, daß sie uns die ganze Zeit über, wo wir ihr
nahe gerückt sind, angenehm erregt. Kommen in der Oper Momente vor,
die uns gleichgiltig lassen, oder gar Mißstimmung, Langeweile, Ueberdruß
bringen, so sind das die wahren unnatürlichen Momente, und solche
verursachtam öftersen, und ich behaupte bei der durchcomponirten Oper
unausbleiblich das viele Recitativ. Was hilft es, daß der Kopf es
natürlicher nennt, wenn das Herz dabei gähnt?"
Ja, lieber
Lortzing, wendete ich ein, Sie sagen immer uns. Meinen Sie damit die ganze
Theatermenschheit, stellen die dann nicht auch eine falsche Idee auf? Wie
ich schon bemerkte, gibt es ja Manche, denen der Wechsel zwischen Dialog
und Musik eben deshalb unnatürlich erscheint, weil sie unangenehm
davon berührt, und also im Genuß gestört werden.
"Das eben leugne
ich," entgegnete er. "Ich behaupte, alle Vertheidiger der Recitativ-Oper
theilen im Innersten meine Empfindungen, kein Einziger empfindet auf die
Dauer einen wirklichen musikalischen Genuß dabei. Es ist, wie ich
schon gesagt, die Idee des Zweckmäßigen, von der manche Aesthetiker
ihren Verstand bestechen lassen, innerlich gähnen sie zuweilen wie
jeder andere Christenmensch, wenn er zugleich ein Musikmensch ist. Jene
guten Leute nehmen diese Art Musik als etwas Gewohntes und Nothwendiges
hin, nicht als etwas Angenehmes."
Und könnte
das nicht eine Täuschung von Ihnen sein? warf ich ein. Bedenken Sie,
wie oft man die Äuszerung hört: "Ich begreife nicht wie der Mensch
an so etwas Vergnügen finden kann!" - Oder: "Das hätte ich nie
und nimmer gethan!" - Das zeigt doch auch Figura, wie Sie mir wohl zugestehen
werden?
Lortzing legte
die Hand an's Kinn und sah einige Augenblicke sinnend vor sich hin, als
suche er über diesen Einwurf hinwegzukommen. Dann griff er rasch nach
dem Töpfchen, that einen herzhaften Zug und rief: "Ei was zumPopanz
strenge ich mir denn mit Euch die Lunge an wegen meiner Meinung. Was scheer
ich mich drum, ob Ihr für oder gegen die Sache seid? Die Leute gehen
in Recitativ- und gehen in Dialog-Opern, und kümmern sich den Teufel
um unser Gespräch und um alle Schreiberei für oder wider. Könnte
ich nur eine Oper wie der Don Juan machen, d.h. nämlich die Gesangstücke,
die Recitative....halt! rief er plötzlich triumphirenden Blicks, da
fällt mir was ein. Nehmt doch einmal einen von den Recitativ-Vertheidigern
her, und spielt ihm von einer durchcomponirten Oper nur die Recitative
vor! Oder führt eine neue Art Oper ein, die einzig und allein in Recitativen
geschrieben ist. Natürlicher ist sie, denn sie kommt dem gewöhnlichen
Menschengespräch allerdings näher als eine Arie, ein Duett, ein
Ensemble, dieweil es nichts Unnatürlicheres geben kann, als daß
zwei, drei, vier und mehr Menschen sich zu gleicher Zeit hinstellen und
singen!
"Und noch ein
Pröbchen, um zu sehen, was Figura zeigt! Schreibt ein Heft von sechs
Recitativen mit Begleitung des Pianoforte, und dann sucht Euch den Verleger,
der es druckt und das Publicum, das es kauft. He, Männeken? Bibamus!
Es lebe die Dialog-Oper!
"Ja, und sehen
Sie," fuhr Lortzing ins einem gutmüthigen Eifer fort, "was nützt
das schönste Recitativ? . . . Die Deutschen können es ja nicht
singen. Falsches Pathos hören Sie fast von Jedem. Woher kommt das?
Weil sie übersehen, daß sie bloßen musikalischen Dialog
zu singen haben; sie können oder wollen den Sänger nicht vergessen.Den
Klang ihrer stimme zu zeigen, bleibt ihnen stets Hauptsache, der sie die
Wahrheit des Ausdrucks unbedenklich opfern, selbst wenn sie von dem Irrthümlichen
ihrer Manier noch so sehr überzeugt sind. Man erlebt das jeden Tag.
Da handelt sich's z. B. um heftige, leidenschaftliche Aufregung, wo der
Mensch in rascher Folge seine Worte herauspoltert. Was geschieht aber?
Kommt ein bequemer Ton mit günstigem Vokal für die respektive
Person, so wiegt sie sich eine Viertelstunde selbstgefällig darauf,
als wäre sie in dem ruhigsten gemüthlichsten Seelenzustande.
Mir ist immer bei solchen Gelegenheiten als hörte ich den Sänger
denken: "Paszt mal auf, Leute, was das für ein prächtiger und
wohllautender Ton ist, den ich da in der Kehle habe und festhalte. Habt
ihr so was schon in euerm Leben gehört?" Und nun vollends das Recitativ
parlando in der komischen Oper! Au, au! Es wird mir da jedes Mal zu Muthe,
als ob der Sänger einen Harnisch oder ein Panzerhemd anhätte!"
Ich hatte einiges
gegen sein Zaarenlied auf dem Herzen, und lenkte das Gespräch darauf.
"Damit ist
es mir sonderbar ergangen," bemerkte er. "In der Probe zu Zaar und Zimmerman
schüttelte mancher der Herren im Orchester bedenklich den Kopf über
dieses Lied, und endlich rieth mir Stegmeyer geradezu es wegzulassen, weil
es - nichts machen werde. Ich stutzte. Die Leute meinen's gut mit dir,
dachte ich, und sind doch Sachverständige. Schon wollte ich da Ding
weglassen. Doch besann ich mich anders, und sagte: wir wollen's doch mal
wenigstens in der ersten Vorstellung damit probiren. Was thut's denn, wenn's
durchfällt. Man kann's in diesem Falle später immer noch weglassen."
Und gerade
dieses Lied gefiel am meisten, bemerkte ich.
"Ja es schlug
durch, wie man zu sagen pflegt," versetzte Lortzing, "und ist wohl in 20.000
Exemplaren durch die Welt geflattert."
Das will freilich
etwas sagen, äuszerte ich. Indessen gestehe ich Ihnen offen, daß
ich just gegen dieses Lied vom höheren dramatischen Standpunkte aus
einen bedeutenden Einwand zu machen habe.
"Man 'raus
damit," sagte Lortzing.
Ihr Lied ist
hübsch, aber - wie steht es mit der Wahrheit? Halten Sie für
möglich, daß ein Peter der Große so sentimental zu denken
und zu empfinden vermocht hätte, wie Text und Musik denken und fühlen?
"Vielleicht
nicht," erwiderte er, "obwohl das so 'ne Sache ist. Aber bon Dieu, wenn
wir alle Dinge in der Oper auf die genaue Wage der dramatischen Wahrheit
legen wollten! Verstöße dagegen haben ganz andere Kerle als
ich gemacht."
Mag sein, wandte
ich ein, nur rechtfertigen die Fehler Anderer nicht die unsern, und falsch
bleibt falsch, gleichviel von wem es herrührt.
"Alle Hagel,
was hätte ich thun sollen? Das Lied wurde von Publicum besonders beifällig
aufgenommen. Für wen schreibe ich denn aber, wenn nicht für das
Publicum? - Und ist denn das Lied in der That so unwahr?"
In Bezug auf
die Gedanken und Gefühle Peter's - -
"Ei," fiel
er ein, - "kennen wir denn irgend einen Menschen so genau, um behaupten
zu dürfen, diesen Gedanken und diese Empfindung kann er absolut in
keinem Momente seines Lebens gehabt haben? Und zumal, wenn es sich um öffentliche
Charaktere, Staatsmänner, Herrscher, Kaiser, Könige handelt!
Was erfahren wir von ihnen?! Ihre politischen Thaten, die von dem Amt,
nicht von dem Herzen dirigirt werden, dazu einige Anekdoten, flüchtige
Züge, oft erfunden, oft verdreht, von Schmeichlern oder Feinden!
"Der Mensch
soll noch geboren werden, der niemals eine weiche, wehmüthige stunde
hätte. Selbst der verstockteste Bösewicht fühlt zuweilen
sanfte Regungen. Warum soll ein Fürst wie Peter der Große in
dessen seele zwar das Gemeine und Rohe, daneben aber auch das große
und Erhabene wohnte, nicht einmal beim Rückblick in die goldene Jugendzeit
durch den Contrast mit den laufenden Herrschersorgen, weich und wehmüthig
gestimmt worden sein?
"Potztausend!
Ein Zaar von Rußland, der um des Besten seines Volkes willen sich
eine Zeitlang seiner hohen Würde begibt, und in Fremdem Lande als
gemeiner Matrose lebt und arbeitet, wäre es nicht geschichtlich beglaubigt,
man würde es für eine der gröblichsten Unwahrscheinlichkeiten
erklären. - Aber da soll der Bösewicht nur slechte Gesinnungen
und Gefühle, der Gute nur edle Gedanken und Empfindungen haben. So
ist es nicht in der Natur. Jener kann auch einmal wie dieser, dieser auch
einmal wie jener denken und fühlen. Jagt nur eure allgemeinen Ideen
zum Teufel und dringt in's wirkliche Leben ein, wie Shakespeare Goethe
gethan, da werden die schroffen Kategorienmenschen von der Bühne verschwinden
und wirkliche darauf erscheinen."
Wir kamen auf
Operntexte zu sprechen; ich fragte ihn, warum er vorhandene Stücke
zu seinen Opern umgearbeitet, und nicht eigene Erfindungen gebracht?
"Ich hab's
im Anfang mit einigen kleinen Stücken versucht," sagte er; "aber,
alle Wetter, dazu gehört mehr Talent als ich besitze und mehr Studium
und Uebung als ich zu verwenden hatte! Zu der Erkenntniß gelangte
ich bald, daß wir viel mehr Genißbares in der Kunstwelt vorgeführt
bekämen, wenn jedes Talent innerhalb der ihm von Natur aus gezogenen
Schranken seine Kräfte auszubilden bestrebte, ohne darüber hinaus
nach Früchten zu langen, die ihm unerreichbar bleiben. Deshalb warf
ich mein Auge gern auf verschollene Stücke, und legte sie mir zu einem
Operntext zurecht."
Ich fragte,
ob es nicht eben so schwer oder vielleicht noch schwerer sei, aus einem
vorhandenen Stücke eine gute Oper zu machen als einen neue zu erfinden?
"Quod non,"
versetzte Lortzing. "Zwar sind mir die Dinger auch herzlich sauer geworden,
aber es kam zuletzt doch etwas Erträgliches zu Stande. Man muß
es nur richtig angreifen."
Ja, darin liegt's
freilich, bemerkte ich; aber eben dieses richtige Angreifen! Ich möchte
wohl wissen, wie Sie dabei zu Werke gegangen.
"Das ist bald
gesagt," bemerkte er; "doch muß ich mit etwas Arroganz beginnen.
Der Schauspieler hat einen Vortheil, der den allermeisten dramatischen
Dichter abgeht, die Bühnenkenntniß. Wenn man den Leuten zwanzig
Jahre hindurch fast Tag für Tag von der Bühne herab seine Flausen
vorgemacht hat, so lernt man ihnnen nach und nach ab, was auf sie wirkt
und nicht wirkt. Wie prächtig liest sich manche Tirade, mancher Witz
im Buche, und wie ohne allen Effekt verpuffen sie auf der Bühne. Umgekehrt
sieht manches gedruckt nach nichts aus, und schlägt, lebendig dargestellt,
zündend in die Seelen. Da lernt man endlich erkennen, was die Stellung
der Reden und Scenen zu bedeuten hat. Darum sollte eigentlich jeder dramatische
Dichter eine zeitlang Schauspieler sein. Goethe und Schiller haben geschauspielt;
schlecht, aber es hat ihnen doch genützt, daß sie selber auf
der Scene gewesen.
"Mit meiner
Bühnenkenntniß ausgerüstet, durfte ich mich wohl an die
Bearbeitung guter Stücke wagen. Und doch - wie lange habe ich nach
einem passenden Sujet suchen müssen. Glaubte ich endlich ein solches
gefunden zu haben, so fragte ich mich vor Allem, ob es musikalische Situationen
enthalte, Scenen, durch welche Gefühle angeregt werden. Die merkte
ich mir zuerst an. Hier Gelegenheit zu einem Liede, dort zu einer Arie,
da zu einem Duett, Ensemble, Chor u.s.w. Fand ich das in dem Stücke,
so war ein Stein vom Herzen. Nun begann ich eine andere Arbeit, eine kritische,
so zu sagen. Ich fragte: welche sind die wirkungsreichsten Scenen darin?
Welche sind schwächer oder gar verfehlt? Bei den schwächern galt
es dann sie zu verbessern; die verfehlten beseitigte ich gänzlich.
So gewann mein Plan nach und nach die Gestalt, die ich für die Oper
brauchte, und damit waren die Hauptgebirge überstiegen. Der Dialog
war leicht geändert, und die Verse .... na, du meine Güte, welcher
Mensch flickt denn heutzutage nicht seinen Vers zusammen; und zumal Opernverse!
Zu was sich dabei anstrengen? Muß doch Alles was die Poesie ausmacht,
tiefe große Gedanken, blühender Bilder, Reinheit des Reims,
Glätte und Fluß der Sprache u.s.w. durch den Componisten zu
Asche verbrannt werden, damit der Phönix Musik daraus erstehen könne."
In welchem
dramatischen Gebiete, fragte ich, sollte man hauptsächlich nach für
die Opernbearbeitung tauglichen Stücken auf die Jagd gehen?
"Darüber
muß eines Jeden individuelle Neigung entscheiden. Trauer-, Schau-,
Lustspiel, Posse, alles gut, je nachdem man erschüttern, rühren,
belustigen will. Ich wüßte keine andere Allgemeinregel anzugeben,
als die, sich nicht an gangbaren klassischen Stücken zu vergreifen.
Da kann man nur verballhornen."
Das ist doch
wohl nur bedingungsweise richtig, bemerkte ich, denn Spohr's "Faust" und
Rossini's "Tell" z.B. sprechen gegen Sie.
"Ich glaube
kaum," gab Lortzing zur Antwort. "Mit dem Erfolge des Faust im Großen
ist's noch zum Aushalten, und dann muß man Spohr's Ruf und Genie
in Anschlag bringen. Tell beherrscht allerdings die Bühnen, aber erstens
ist hier die dramatische Verschlechterung durch brillante Guckkastenbilder
ersetzt, sodann hat die Oper glänzende Singpartien, und endlich ist
die Musik von Rossini. Ja, wer ein Rossini wär' ! ... Verschollenes
Mittelgut wie der Bürgermeister von Saardam, der Rehbock u. dergl.
Daraus läßt sich etwas machen."
In der That
haben Sie mit Ihrem Bürgermeister von Saardamm einen höchst glücklichen
Griff gethan, bemerkte ich.
"Aber warum
vorzüglich?" fragte Lortzing. "Das Stück ist freilich nicht übel,
und für dieses Genre mag auch meine Musik den unbefangenen Leuten
genügen. Allein was das Stück so allgemein auf das Theater gebracht
hat, verdanke ich noch einem andern Umstande."
Und der wäre?
fragte ich.
"Rollen, Freundchen,"
rief er pathetisch, "Rollen heißt das Zauberwort, welches dem dramatischen
Dichter wie dem Componisten die Pforten der Bühnen öffnet. Es
gibt Sänger, die wenig Stimme, die jedoch ziemlich gute Schauspieler
sind, und wiederum Sänger, die gut singen, aber slecht spielen. Hat
man nun ein Stück gefunden, das für Jene gute Spiel-, für
Diese hübsche Singrollen absetzt, so ist ein günstiger Erfolg
ziemlich sicher. Am besten reussirt man mit solchen Partien, die selbst
von geringern Theatersubjecten nicht todt zu machen sind, die sich von
selbst spielen, wie im Zaar der Bürgermeister und Peter der Große.
Mit der ersteren Rolle ist noch keiner durchgefallen, und ebenso kann als
Zaar keiner durchfallen, wenn er nur sein Lied tonvoll herauszuschmachten
vermag. Als Spieler darf er steifer Peter sein, das widerspricht der Figur
des Zaaren nicht. Sehen Sie, Männeken, das nenne ich Rollen, und darauf
verstehen sich hauptsächlich die Italiener, woher sich auch ihr Glück
schreibt. Führ Stücke, welche Rollen haben, Gastrollen, interessiren,
sich die Sänger jedes Mal. Daran denken die Deutschen am wenigsten,
daß es in Opern die Sänger, überhaupt in Theaterstücken
die Schauspieler sind, welche als eigentliche Glückmacher der Dichter
und Componisten zu betrachten sind."
Geht aber bei
diesem Streben nicht oft der höhere Kunstgehalt der dramatischen Werke
verloren? wandte ich ein. Wir haben viele Stücke mit Rollen in Ihrem
Sinne, denen wir doch schwerlicheinen bedeutenden Kunstwerth zugestehen
können.
"Zugegeben,"
rief Lortzing, "dagegen haben wir auch Stücke, deren hohen dramatischen
Werth wir anerkennen müssen, und die sich doch nicht auf der Bühne
halten, eben weil ihnen die Rollen fehlen. Wenn beides vereinigt wird,
dann - ja dann hat der Dichter das höchste Ziel erreicht, wie die
Stücke unserer größten Dramatiker Shakespeare, Goethe,
Schiller beweisen, worin beide Forderungen erfüllt sind. Derartige
Leutchen gehören aber zu den Seltenheiten, und wenn die Directionen
keine andern als solche Stücke geben dürften - -"
Sie meinen
also, fiel ich ein, daß Diejenigen, welchen die Genialität eines
Shakespeare, Goethe, Schiller, Mozart, Beethoven u.s.w. versagt worden,
sich mit geringeren Aufgaben begnügen sollten? Dürfen wir aber
im Interesse der Kunst nicht vielmehr sagen: wer sich nicht zum Höchsten
fähig fühlt, schaffe lieber gar nicht? Was kann dem Kenner an
Mittelgut liegen?
Lortzing lächelte
etwas seltsam bei dieser Frage, wodurch mir erst ihre Verfänglichkeit
ihm gegenüber zum Bewußtsein kam. Ich fuhr daher schnell fort:
es bedarf wohl der Versicherung nicht, daß ich Ihre Opern - -
"O Freundchen,"
fiel er mir in die Rede, "keine diplomatischen Finessen zwischen uns! Die
Bemerkung, daß meine Sachen unter das Mittelgut gehören, kann
mich nicht beleidigen, weil sie wahr ist. Aber daß Unsereiner deshalb
das Produciren unterlassen sollte, unterschreibe ich nicht. Kenner!" rief
er ironisch aus. "O ja, ein schöner Name. Wie viel hoffen Sie denn
in Leipzig oder in irgend einer Stadt zusammenzubringen? Wie viele davon
zu beständigen Theatergängern zu machen? Und wie viele werden
in ihren Urtheilen über die Kunstwerke übereinstimmen? Ist Robert
Schumann nicht ein Tongeist von den höchsten Fähigkeiten? Nun,
lassen Sie ihn eine Oper schreiben blos für Mendelsohn, Hauptmann,
Becker und ähnliche wirkliche Kenner. Wird seine Musik diese Männer
vollkommen befriedigen? Werden sie bei allen Piecen in Lob und Tadel übereinstimmen?
- Und weiter - wie lange, meinen Sie, würde eine Bühne bestehen,
auf der nur Erzeugnisse der höchsten Genies gegeben werden dürfen,
und vor der nur Kenner als Zuhörer sitzen sollten? Aus lauter vollkommenen
Werken bringen Sie kein Repertoir für ein halbes Jahr zusammen, und
von der Einnahme, die ein reines Kennerpublicum brächte, würde
der Theaterdirector das Oel für die Lampen nicht beschaffen können!
Es wäre charmant, wenn alle Kunstwerke vollkommen und alle Menschen
Kenner wären. Unser Herr Gott aber hat es anders beschlossen. Die
Menschen auf diesem Planeten sollen verschiedene Fähigkeiten, verschieden
Neigungen, verschiedene Bildung, mögligst alle aber auch ihre Kunstfreuden
haben. Einige meiner Opern bereiten vielen ehrlichen Seelen angenehme Stunden,
damit bin ich zufrieden."
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