Februar. Nr. 7.
Nachrichten.
Franfurt a.M.
(...) Im Jahre 1848 sahen wir bereits die Opern: Undine, Regimentstochter, Oberon, Mozart und Schikaneder, Nabucco und Adam’s “Zum treuen Schäfer” (wiederholt).
(...)
In der letzten Vorstellung der Undine merkte man, daß Herr Mühldorfer nicht zugegen war. Dennoch gefiel die Oper, als wenn Alles, wie früher, am Schnürchen gegangen wäre. Verstöße zu erwähnen, welche keine Regie Durchlässen sollte, so schlugen der italienische Fürst (Undine), wie kürzlich die Gräfin Maggiorivoglio Laute und Piano mit Handschuhen an den Fingern, wie auch jüngst der Page in Johann von Paris die Gitarre mit schweren Reiterhandschuhen spielte. Solche Kunststücke mögen einer hochadeligen Aristokratie gelingen, Scholz und Thalberg sollen’s aber einmal nachmachen!
Des Landes Stolz und schönste Zier zu schauen,
O hohes Glück, mit dem mein Tag beginnt,
Ist mir vergönnt, die edelste der Frauen
Zu fragen, ob sie huldvoll mir gesinnt?
Diesen Auftritt kündet folgendes Vorspiel mit ganzem Orchester fortissimo an.
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Mit solchem Bombast eines noch dazu der Erfindung nach gewöhnlichen Konzerttutti’s tritt ein feiner und intriganter Hofmann nicht in das Zimmer und vor eine hohe Fürstin und Frau. Das ist allenfalls Hohn eines triumphierenden Siegers über eine für immer macht- und einflußlos gewordene Fürstin, aber nicht Ansprache einer, die man wohl zu fürchten hat, und der man Ehrfurcht schuldet und zeigen muß.
Von so leichtfertigem, auf Charakter, Situation und daraus entspringender Gefühlsweise gar nicht Rücksicht nehmendem Hinwurf der Gedanken, wie sie eben im Augenblicke sich zuerst anbieten, ohne Prüfung, ob sie sagen, was sie sagen sollen und müssen, liefert der Jägerchor Nr.4 ein weiteres Beispiel. Hofherren und Pagen treten, von der Jagd zurückkehrend, in demselben Zimmer auf, wo die Fürstin sich eben befand und deren Wohnzimmer gewiß in der Nähe ist. Nun drücken jene singend aus, daß die Jagd geendet und neue Fest- und Becherfreuden sie erwarten. Hier ist zunächst von einer Jagdfarbe eben so wenig eine Spur, als von der modifizierten Aussprache der Gefühle feiner Hofherren und Pagen, so wie der Situation im königlichen Zimmer. Man hört einen gewöhnliche rauschenden Theaterjubel, wie ihn gewöhnliche Bedienten, wenn sie im Freien unter sich wären, etwa ausdrücken würden. Aber Hofherren oder gewöhnliche Diener, sie würden in der Es-Dur-Stimmung ihrer Gemüter die neuen Freuden nicht, wie hier geschieht, in C Moll anfangen zu empfinden, denn sie haben keine verlorene Freude zu bedauern, sondern eine neue zu erwarten. Da läßt sich kein Mollakkord in der Seele vernehmen. Nun geht aber bei der Vorstellung des Freudenbechers die Modulation gar nach Des Dur und F Moll! Wenn der Gedanke an einen guten Becher Wein die Leute aus Es Dur in das ferne und ungewohnte Des Dur und F Moll treibt, welche Tonarten und Modulationen bleiben dem Komponisten übrig, wenn er den Tumult, die wütenden Kämpfe und Riesensprünge aus dem Grunde aufgewühlter Leidenschaften zu schildern hat? Die Tonmodulation ist das Analogen der Gemütsmodulation, und nur wenn diese als mit jener genau übereinstimmend nachempfunden wird, entsteht das Gefühl der Wahrheit in dieser Beziehung. Ein Muster weiser Sparsamkeit der Modulation, fester Haltung innerhalb genau dem Gefühle angepaßter Schranken ist - Spontini. Lange Perioden hindurch gebraucht er oft nichts als die gewöhnlichste Harmonie, erste, fünfte, vierte Stufe. Tritt dann ein unerwarteter Ruck, Riß, Sprung im Gemüte ein, so hat er auch einen unerwarteten Akkord dafür, und die Wirkung ist außerordentlich. Man untersuche in dieser Beziehung auch in allen Mozart’schen Opern die Stücke, die einfachere Charaktere und ruhigere Situationen und Empfindungen darstellen, und man wird sehen, welche einfache Harmoniefolgen er dabei durchgängig anwendet. Das erste Papagenolied z.B. bringt nichts als erste und fünfte Stufe, eine einfachste Berührung der Ober- und Unterdominante, und damit gut. Wir haben uns bei diesem Punkte etwas aufgehalten, weil nicht allein Lortzing, sondern die allermeisten Komponisten am Allerhäufigsten gegen diese Regel sündigen und sich daher die Wirkung, insofern sie von der Harmonie und Modulation abhängt, unmöglich machen, und weil doch dieser Fehler so leicht zu vermeiden ist, und weil doch dieser Fehler so leicht zu vermeiden ist, wenn er dem Bewußtsein aufgegangen ist.
Über das Lobenswerte der Lortzing’schen Musik brauchen wir kaum sprechen, denn es ist schon oft geschehen, und das beste Zeugnis dafür ist die freundliche Aufnahme seiner meisten Opern auf allen deutschen Bühnen. Seine Lieder haben, ohne trivial zu sein, ein so volkstümliches Element in sich, daß sie in allen Köpfen und Herzen gleich hängen bleiben, und in Wirklichkeit oder Erinnerung ertönend, die freundlichste Stimmung erwecken. Wer das nicht für ein grosses Verdienst gelten lassen will, mit dem wollen wir nicht streiten. Alle, die es versucht haben, eine Melodie in’s herz und in die Erinnerung des Volkes zu singen, wissen, wie schwer diese Aufgabe zu lösen. Aus den meisten seiner Ensemble’s geht weiter ein dramatisch-musikalisches Talent hervor, das auch bedeutender ist, als Manche zugestehen wollen, welche die Schwierigkeiten nicht kennen, die der klaren und verschiedener Wortsätze zu einem angenehmen Ganzen sich entgegenstellen. Wir geben zum Beleg nur ein Beispiel, den Anfang des Finale’s Nr.11, wo der Prinz, im Gasthofe zum Großadmiral, als Matrose verkleidet, die Zeche bezahlen soll und nicht kann, weil ihm die Börse gestohlen worden.
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Wir haben die Überzeugung, daß in Lortzing ein tieferes Talent wohnt, eine Schaffenskraft zu bedeutenderen Werken noch, als er bis jetzt zu Tage gefördert. Vielleicht hält ihn nichts als zu schnelles Arbeiten davon ab. Wollte er einmal die Aufgabe sich höher stellen, mit grösserer Beharrlichkeit nach deren Lösung ringen, und unter dem von seiner Fantasie herbeigeschafften Stoffe strenger wählen, er würde sich nicht selbst übertreffen, indem er sein Talent erreichte. - Der Klavierauszug ist recht geschickt bearbeitet; er gibt überall das Wesentliche und ist dabei doch leicht spielbar.
Dn.