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Allgemeine
Musikalische Zeitung
46 - 1844
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Januar. No. 4.
Nachrichten
Hamburg, im Dezember 1843
(...)
Neu gingen in Szene die Opern: “Der
Feensee” von Auber und “Der Wildschüutz” von Lortzing.
(...) - Lortzing’s Oper hat eine seht beifällige Aufnahme gefunden
und füllt fortwährend das haus, so dass die wohl bald die Tantieme
erhalten wird, welches dann die erste sein wird, welche die Theaterdirektion
von der Oper zu zahlen hat gelobt hat. Herr Bost ist als “Schulmeister”außerordentlich
brav und erhält jedesmal lebhaften Beifall. Die Arie zum Schlusse
des zweiten Akts muss er gewöhnlich repetieren. - (...) |
Januar. No. 5.
Nachrichten
Berlin.
(...)
Um so sparsamer waren die Leistungen
der neu in Szene gesetzten, seit zwölf Jahren ruhenden Oper Belmonte
und Constanze von Mozart, nur Wiederholungen des “Wildschütz”
(drei Mal) und “Carlo Broschi” (fünf Mal) lieferte. (...) |
März. No. 11.
Nachrichten.
Berlin.
(...)
“Carlo Broschi” und “Der Wildschütz”
sind im Januar nur ein Mal bei vollem Hause wiederholt worden.
(...) |
April. No. 15.
Nachrichten.
Berlin. (Beschluss.)
(...)
Bei der königl. Oper setzten
Mad.
Schröder-Devrient und Herr Härtinger ihre
Gastspiele fort. Otello und Fidelio wurden wiederholt. In Bellini’s
Norma sang die zeither wenig beschäftigte Dem. Marx die Titelrolle,
und Herr Härtinger den Sever. Carlo Broschi wurde zwei Mal,
der “Wildschütz” einmal wiederholt. (...) |
April. No. 15.
Nachrichten.
Prag. Zwei Benefizien brachten
uns zwei neue Opern, eine deutsche und eine französische. Wir sahen
nämlich zum Vorteile der Dem. Grosser zum ersten Male: “Der
Wildschütz, oder die Stimme der Natur”, komische Oper in drei Akten
nach Kotzebue frei bearbeitet, Musik von Albert Lortzing, und zum
Vorteile der Dem. Köckert: “Des Teufels Anteil”, komische Oper
in drei Akten nach dem Französischen des Scribe, Musik von
Auber.
Beide Opern gehören nach der technischen Sprache des Theaters unter
die Spielopern, kein Wunder, wenn sie hier keine genügende Darstellung
finden konnten. Wenn in der Oper nur gesungen werden soll, so haben wir
jetzt einige Stimmen, die man gern hört; wenn es aber darauf ankommt,
Charaktere durchzuführen, piquante und komische Momente und Situationen
zu motivieren und darzustellen - da haben wir fast gar kein Personale,
und wenn auch weder der “Wildschütz” noch des “Teufels Anteil” als
Musteropern ihrer Gattung aufgestellt werden können, so ist doch die
geringe Teilnahme, die sie erregten, größtenteils Schuld der
Darsteller. Lortzing hat in seinen “Beiden Schützen”, noch
mehr im “Zar und Zimmermann” mit welchem Geschick er weniger bekannte Lustspielstoffe
für die komische Oper zu benutzen weiß; wir haben ihn aber schon
beim “Hans Sachs” darauf aufmerksam gemacht, wie schwierig diese Prozedur
durch den Umstand werde, dass der Stoff allgemein bekannt und gleichsam
in Blut und Leben des Publikums übergegangen sei. Dieser Umstand tritt
bei dem älteren Teile der Zuschauer auch am Rehbock ein, und in bezug
auf das jugendliche Publikum hat sich Lortzing eines Fehlers schuldig
gemacht, den wir dem bühnenkundigen Kenner des Publikums nicht zugetraut
hätten. Wenn nämlich ein Lustspielstoff für eine Oper benutzt
werden soll, so muss notwendig die Intrige vereinfacht werden, um der Musik
den gehörigen Raum zu ihrer Entfaltung darzubieten. Im Gegenteile
hat Herr Lortzing dem “Rehbock” noch neue Motive hinzugefügt:
die Gräkomanie der Gräfin und den Weltschmerz des Barons. Das
erste Motiv dürfte vielleicht jetzt, in der Saison des Sophocles,
in einem Lustspiele, wo man mit geistreicher Ironie durchführen könnte,
wirksam sein, der letztere ist - man darf nicht sagen Rokoko, weil diese
Mode zwar in den letzten Zügen liegt, aber noch nicht Tod ist, - doch
hors de saison, oder besser zu sagen: mauvais genre, und seine Einführung
ist auf jeden fall verfehlt, selbst im Lustspiel, wo diese Art von Gestalten,
wenn auch selten, doch aber hie und da einen Darsteller findet. Die Billardszene
(die selbst Kotzebue hinter eine Seitentüre verlegte) ist wirksam,
aber so indezent, dass sie ihr Exequatur wohl nur dem Mangel an Phantasie
des Zensors verdankt. Dass der Dichter der Oper dem Grafen und Baron schon
im ersten Akt die Bekanntschaft des falschen Gretchens verschaffte, gewährte
auch dem Kompositeur ein vollstimmiges Finale, doch ist nicht zu läugnen,
dass dieser Umstand die Spitze aller Situationen des zweiten abstumpft
und das Interesse des ganzen wesentlich schmälert. Die Musik ist eben
kein außerordentliches Werk, ja sie bleibt im Gesamteindruck selbst
weit hinter dem “Zar und Zimmermann” zurück, doch ist sie, von “Hans
Sachs” an gezählt, wieder ein Vorschritt und enthält manche gelungene,
charakteristische und mit frischem Humor ausgestattete Nummer. Die Ouvertüre
ist sehr schwach, dagegen die Introduktion voll muntere Laune, und das
ABC-Duett würde wirksamer sein, wenn es weniger in die Länge
gezogen wäre. Sowohl die Sortita der Baronin, als das Lob des Landlebens
sind frisch und melodiös. Im zweiten und dritten Akte finden wir mehrere
interessante Piecen, leider aber auch manche, welche den günstigen
Effekt wieder zerstören, den jene hervorbrachten. Ein wahres “Ende
gut Alles gut!” bildet das humoristische Finale mit dem deutungsvollen
Refrain:
Es hat mich nicht getäuscht
Die Stimme der Natur,
welches beinahe an das:
Ja, ich bin klug und weise
Und mich betrügt man nicht.
des “Zar und Zimmermann” erinnert. Was
die Darstellung betrifft, war der Schulmeister - eigentlich die Hauptperson
der Oper - Herrn Brava zu gefallen, der eine recht gesunde kräftige
Stimme, doch keineswegs jene brillante vis comica besitzt, auf welche Lortzing
bei seinem Baculus Anspruch macht. Herrn Kunz (Graf) war ein für
ihn unauflösliches Problem zugefallen, einen aimable Roué darzustellen.
Auch die Gräfin (Mad. Podhorsky), welche gar nichts zu singen
hat (?), schien sich nicht in ihre Aufgabe gefunden zu haben, und Herr
Damke
(Baron) ließ uns eben so wenig von den Gefühlen seines zärtlichen
Herzens, als von seinem überflüssigen Weltschmerz merken. Dem.
Grosser
(Baronin) und Dem. Senger (Nanette) zogen sich ziemlich gut aus
der Affaire, und die einzige der mitwirkenden Personen, deren Leistung
man als genügend erkennen muss, war Dem. Köckert als Gretchen.
Die Reprise, zum Vorteile des Herrn Franz Brava aufgeführt,
zeigte ein leeres haus, dagegen schien die dritte Produktion ein größeres
Interesse im Publikum zu erregen. - Wir wollen sehen wie es weiter geht.
(...) |
Mai. No. 22.
Nachrichten.
Berlin, den 4. Mai 1844.
(...)
Am ersten Ostertage wurde “Belmonte
und Constanze” im königl. Theater (auf der königsstädter
Bühne
Cimarosa’s “Matrimonio segreto”, ferner “Norma”,
“Die Tochter des Regiments”, “Carlo Broschi”, “Der Wildschütz”, “Die
Nachtwandlerin” (Herr Pfister als engagiertes Mitglied - Elwino),
“Das Nachtlager von Granada” (Herr
Pfister - Gomez) wiederholt.
(...) |
Juni. No. 24.
Frankfurt. Musik vom 23.
Januar bis zum 23. Mai 1844.
Es waren große Anstrengungen
nötig, um unser Opernschiff wohlbehalten durch die Klippen und Brandungen
zu führen, gegen die ein solches mehr oder weniger immer zu steuern
hat. Hier die Grippe, dort allerlei Sängercapricen, da wirkliche Heiserkeiten
und Schnupfen, die Bälle und aristokratischen Reunions im Winter,
und kaum sind die vorüber, die für jeden Theaterdirektor so wonnelose
Zeit des Wonnemonds! Deshalb würde es ohne die außerordentliche
Tätigkeit Guhr’s mit der Theaterkasse noch schlimmer bestellt
gewesen sein, als wirklich der Fall war. Das Schauspiel, - da Baison
und C. Schneider die hiesige Bühne verlassen haben, die vortreffliche
Frühauf
krank darniederliegt, auch Madame Meck öfter leidend war, und
unsere Lindner nicht alle Tage die Antigone oder Phädra spielen
kann - musste täglich lavieren, und nicht selten stand eine große
Oper für ein kleines Lustspiel ein. Im Februar z.B. wurden einmal
acht Opern hinter einander ohne Zwischentag gegeben. Dennoch murren im
Ganzen genommen die Sänger nicht, helfen heute an der Medea arbeiten,
morgen an Rochus Pumpernickel, und singen eben in allen Farben des Stils,
so lange noch die Kehlbänder halten wollen. Aloys Schmitt’s “Osterfest”
wurde wiederholt, zog aber nicht, und da die Oper nicht wohl oft mit demselben
Pomp gegeben werden kann, so wird sie das Schicksal mit Guido und Ginevra,
Märtyren und ähnlichen Pompopern teilen, bei welchen die Bühne
besetzter ist als das Parterre. Zum Besten unseres Violinisten Heinrich
Wolff wurden Szenen aus Robert, Puritaner und Zar und Zimmermann gegeben,
zwischen denen der Virtuos spielte.
Wolff’s Spiel ist schon oft
als ein ächt solides, von wahrem Künstlergeist beseeltes gewürdigt
worden. Die Opern, welche das tägliche Brot geben, waren: Belisar,
Teufels Anteil (für die Armen), Robert, das Nachtlager, der lustige
Schuster, Aschenbrödel, Figaro, Herr Rochus Pumpernickel, die Favorite,
Barbier von Sevilla (worin unser Komiker Hassel den Bartolo zum
hundertsten male gab), Zampa, Zar und Zimmermann, Don Juan, Freischütz,
Tell, Kapellmeister von Venedig, Otello, Hugenotten, Montecchi und Capuletti,
Lucrezia Borgia, Norma, Regimentstochter, Wasserträger. Die Zauberflöte
wurde in Zeit von vier Wochen fünf Mal fast hinter einander gegeben,
und zwar mit drei verschiedenen Königinnen. Davon später. Der
Schnee von Auber, der Kalif, die Entführung, Medea, die weiße
Dame und der Postillion von Longjumeau wurden renoviert. Lortzing’s
“Wildschütz”, der drei Mal ungemein gefiel und eine Zugoper bleiben
wird, war die einzige Novität. Lortzing ist eine merkwürdige
Erscheinung. Seine Melodien fließen ohne Prätention und Zwang
munter dahin. Da ist weder Flachheit, noch Prahlgelehrsamkeit. In jeder
Nummer ist gesunde Natur und Wahrheit, sprudelt Humor und Witz. Man hört
der Musik an, dass ihr Schöpfer zum Komponisten geboren ist. Ensemble
und Final, wovor sich die Meisten fürchten, sind sein Element; deshalb
sind sie auch von einem Guss. Lortzing komponiert nicht im
Schweiße seines Angesichts, sondern unter Lächeln. Deshalb auch
freuen sich die Sänger und Chöre, freut sich der Direktor und
das Orchester von der ersten Violine bis zur Pauke, und freut sich das
Publikum. Sein Stil, fliessend, leicht und pikant zugleich, zeigt, dass
er sich zu jener schönen Zeit bekennt, da Euterpe noch eine Friedensgöttin
war. Seine Musterbilder sind offenbar Mozart, Dittersdorf
und die Italiener jener Kunstperiode, denn er hält die Mitte zwischen
Beiden, obgleich manche Melodie mitunter an die neue italienische Manier
streift und seine Instrumentation durchaus pittoresker ist. Die hektisch
larmoyante, kramphaft zuckende, und dabei im Weltschmerz tändelnde,
oder die kokette und prahlende, in allen Farben schimmernde, oder die schwerschreitende,
breite, massenhafte, historisch - gigantische und dabei melodienlose hyperromantische
Schule nehme ein Exempel daran. Hin und wieder sind Längen; auch der
Genuss des guten ermüdet bei überschrittenem Maß, und so
mag Herr Lortzing künftig den Faden seiner Dichtungen (denn
er ist auch Verfasser des Libretto) etwas kürzer spinnen. Zu dem günstigen
Erfolge des Wildschützen hat gewiss auch unsere Besetzung beigetragen,
denn Conradi (Baculus) hat ein so entschiedenes Talent für
chargierte Komik, dass schon sein Erscheinen die Lachmuskeln reizt. Eine
Grete, so drallig und vollwangig, so naiv - eckig, und lächerlich
verschämt, und dabei noch verschmitzt, wie sie Fräul. Kratky
darstellt, wird nicht leicht übertroffen werden; sie gibt ein herrlich
Modell zu einer derben Falderin, und man muss an der Identität ihrer
Person zweifeln, wenn man sie als Clytemnestra gesehen hat. So übermütig
burschikos als mädchenhaft graziös ist Fräul. Capitain
(Baronin Freymann) in ihrer Doppelmaske als Student und Bäuerin. Dem.
Hoffmann
befindet sich als Gräfin Eberbach ganz in ihrer Sphäre, und den
ironischen Spott auf die Manie mit der griechischen Tragödie gibt
sie mit wahrhaft ergötzlicher Gespreiztheit. Caspari als Kronthal
bewegt sich so ungezwungen, als es die seltene Berührung mit der komischen
Oper gestattet. Wiegand (Eberbach) hat weit mehr Routine darin,
und bekundet nebst dem Sänger auch den gewandten Tänzer. Herr
Diehl
gab sein “wie närr’sch” in der tat recht närr’sch, und die Episode
mit den Schulkindern hob den späten Schluss der Oper zum Glück
noch so interessant hervor, dass das Lied wiederholt werden musste. Unter
solchem Zusammenwirken konnte der glänzende Erfolg der Oper nicht
fehlen, und sie wird unter so günstigen Auspizien mit der Regimentstochter
rivalisieren können.
(...) |
Juli. No. 28.
Nachrichten.
Hamburg Juni 1844.
(...) - Lortzing’s Wildschütz
ist die erste Oper gewesen, die sich die Tantieme erworben hat, welche
aber leider nicht bedeutend ausgefallen ist, da das haus sehr schwach besetzt
war. - (...) |
Juli. No. 29.
Nachrichten.
Berlin, den 1. Juli 1844.
(...) Einige artige Melodien und
Instrumentaleffekte genügen doch denjenigen Zuhörern nicht, die
an höheren Genuss gewöhnt sind. Hierin steht für die komische
Oper de Deutsche
Lortzing, bei aller Leichtigkeit der Behandlungsweise,
doch viel höher, als der Pariser Komponist. [Adolphe Adam - G.O.]
(...) |
August. No. 33.
Nachrichten.
Leipzig, den 13. August 1844.
Der gestrige Abend brachte die erste Opernaufführung auf unserm nach
einer fast dreimonatlichen Unterbrechung am 10 d.M. wieder eröffneten
Stadttheater, dessen Leitung von nun an Herr Dr. C.Chr. Schmidt
übernommen hat. In jetziger Zeit - wo der Fortschritt mehr als je
zur Lebensaufgabe eines Jeden geworden ist, er möge der Kunst oder
der Wissenschaft sich widmen, und wo man, eben weil die Überzeugung
von dieser Notwendigkeit bei Allen immer mehr durchdringt und wächst,
in jeder wenn auch anscheinend geringfügigen Veränderung auch
eine Verbesserung zu erblicken hofft, - konnte es nicht fehlen, dass man
hier den Leistungen unserer Bühne unter der Direktion des genannten
Unternehmers gespannt entgegensah. Und in der Tat, wenn man auch dem in
manchen Beziehungen ausgezeichneten Direktionstalente des Herrn Ringelhardt,
welcher in den letzten Jahren an der Spitze des Theaters stand, Gerechtigkeit
widerfahren lassen muss, so vereinigen sich doch alle Stimmen dahin, dass,
besonders in der letzten Zeit, unsere Oper (und mit dieser allein haben
wir es in diesen Blättern zu tun) den Ansprüchen keineswegs genügte,
die eine so kunstsinnige Stadt, wie Leipzig, an sie zu machen wohl berechtigt
war. Ob und in welchem grade dies der nunmehr, wie es scheint, durchgreifend
regenerierten Oper gelingen wird, muss die Folge lehren, und es kann natürlich
von einem Urteile nach der ersten Aufführung noch nicht die Rede sein.
So viel aber ist gewiss dem gestern versammelten Publikum deutlich geworden,
dass Herr Dr. Schmitt uns tüchtige Sänger und Sängerinnen
gewonnen hat, von deren Leistungen wir uns noch manchen Genuss zu versprechen
haben. |
| Als eine in jeder Hinsicht würdige
und glückliche Wahl müssen wir es bezeichnen, dass die Oper aller
Opern, Mozart’s unerreichter und unerreichbarer Don Juan, den Anfang
machte. Die Verteilung der Rollen war folgende: Don Juan - Herr Eicke;
Gouverneur - Herr Pögner; Donna Anna - Fräul. Mayer;
Donna Elvira - Fräul. Steydler; Don Ottavio - Herr Wiedemann;
Zerline - Frau Bachmann geb. Günther; Leporello - Herr
v.
Ulram; Masetto - Herr Bickert. Mit Ausnahme der Frau Bachmann
und des Herrn Pögner, die zu unserer Freude die neue Direktion
erhalten hat, und des Herrn Eicke, der schon vor einigen Jahren
an hiesiger Bühne engagiert war und noch in gutem Andenken in Leipzig
steht, waren uns die Darstellenden bisher fremd, und sind wir auch nach
einmaligem Hören eben so wenig geneigt als im Stande, über ihre
Leistungen ein nur einigermassen entschiedenes Urteil zu fällen, so
gestehen wir doch gern, dass wir durch die Stimmen und den Vortrag der
Genannten, so wie durch den stärker, als früher, und mit frischem
Stimmen besetzten Chor angenehm überrascht worden sind und das Theater
befriedigt und erfreut verlassen haben. Das in dem neu und geschmackvoll
dekorierten Hause sehr zahlreich versammelte Publikum erkannte und belohnte
die Trefflichkeit der Vorstellung durch häufigen und rauschenden Beifall
und dankte dem Direktor am Schlusse durch Hervorrufen. |
| Die ferneren Aufführungen und
namentlich die Leistungen der einzelnen Mitglieder ausführlicher zu
besprechen, behalten wir uns vor, und beschränken uns bis jetzt darauf,
in Nachstehendem das Verzeichnis des bei der Oper angestellten Personals
mitzuteilen. |
Kapellmeister: Herren Lortzing
und Netzer.
Chordirektor: Herr Günther.
Gesanglehrer: Herr Meyer.
Regisseur: Herr Eicke.
Darstellende Mitglieder:
Herr Berthold, Bassbuffo.
“ Bickert, zweite Basspartien.
“ Eicke, erste Baritonpartien.
“ Henry, erste und zweite
Tenorpartien, Tenorbuffo.
“ Kindermann, erste Heldentenorpartien.
“ Lehmann, erste Tenorpartien.
“ Meixner, Bonvivants, jugendlich
komische Rollen.
“ v. Planer, Bariton - und
Basspartien.
“ Saalbach, kleine Basspartien.
“ Stürmer, zweite Bass-
und Baritonpartien.
“ v. Ulram, erste und zweite
Basspartien.
“ Wiedemann, erste Tenorpartien.
Fräul. Adolph, jugendliche
Gesangpartien.
“ Bamberg, erste und zweite
Gesangpartien.
Frau Eicke, komische und
ernste Alte.
“ Günther - Bachmann,
Soubrette, Spielpartien.
Fräul. Mayer, erste
gesangpartien.
“ Steydler, erste und zweite
Gesangpartien.
“ Targa, jugendliche Gesangpartien.
“ Wertmüller, erste
und zweite Gesangpartien.
Zwanzig Choristen. Zwanzig Choristinnen. |
| Frankfurt a.M. Am 3. Juli
dirigierte
Lortzing in Mannheim seine Oper “Zar und Zimmermann”
mit dem glänzendsten Erfolge. Schon in der Probe wurde er, durch Lachner
vorgestellt, von dem versammelten orchesterpersonale laut begrüßt,
und am Abend der Vorstellung selbst ihm von einem sehr zahlreichen und
gewählten Publikum anhaltender Applaus. Das Publikum rief ihn mehrere
Male hervor, und von Seiten der Intendanz erhielt er einen kostbaren Taktierstab.
- Gleiches Interesse erregte in hiesiger Stadt sein “Wildschütz” am
19. Juli unter der ebenfalls persönlichen Leitung des Komponisten;
eine Auszeichnung, deren sich in Frankfurt noch Niemand rühmen konnte
und welche von
Guhr’s
Achtung für das wahre Verdienst zeugt.
Dieselbe Achtung bewiesen ihm Orchester, Sänger und der Chor durch
diese in der Tat von einem ächten Humor belebte und, ich möchte
sagen, pikante Darstellung. Das Haus war gedrängt voll und der Beifall
stürmisch. Alles war begierig, den genialen Komponisten zu sehen,
dessen Doppeltalent (denn bekanntlich ist er auch Verfasser seiner Texte)
dem deutschen Publikum schon so viel Vergnügen gewährt hat. Empfangen
und zwei Mal hervorgerufen, erschien Lortzing und dankte auf eine
sinnige und liebenswürdige Weise. |
September. No. 39.
Nachrichten.
Dresden, den 31 August 1844.
(...) - Der “Zar und Zimmermann”
wird hier, bis auf Herrn Räder, welcher als van Bett ein höchst
komisches Original ist, im Ganzen nur mittelmäßig gegeben, gefällt
aber dennoch hier, wie überall. - (...) Am letzten Sonntage wurde,
statt der angekündigten “Regimentstochter”, Lortzing’s “Wildschütz”
wirksam und belustigend durch Herrn Räder’s (Schulmeister Baculus)
natürliche und drastische Komik gegeben. Dem. Wagner singt
die Partie der Baronin als verkleidetes Landmädchen recht gut, ohne
indes in der männlichen Travestie so pikant zu effektuieren, Fräul.
Tuczeck
in Berlin. Dem. Thiele ist ein niedliches Gretchen. - (...) |
Oktober. No. 40.
Nachrichten.
Leipzig, den 1. Oktober 1844.
In den sieben Wochen, welche nunmehr seit Wiederöffnung unseres Stadttheaters
verflossen sind, wurden uns von der neuen Direktion sechs opern: Don Juan,
Die Zauberflöte, Otello, Norma, Der Schöffe von Paris von H.
Dorn, und Mara von J. Netzer, und in ihnen ziemlich die sämtlichen
engagierten Sänger vorgeführt. Der Aufführung des Don Juan
gebührt unstreitig darunter der Preis; sie war im Ganzen, wie im Einzelnen,
eine gelungene zu nennen. (...)
Die Ensembles und das Finale gingen
exakt und rund, und namentlich machte der Chor eine gute und volle Wirkung,
wie denn überhaupt das Ganze von Herrn Lortzing, der von der
Oper und dem Lustspiele ganz zurückgetreten ist und mit Herrn Jos.
Netzer in die musikalische Leitung sich teilt (warum und woher beide
Herren den etwas pompös klingenden Titel: Kapellmeister angenommen
haben, hat Referent noch nicht erfahren können), tüchtig und
sicher dirigiert wurde.
(...) |
Oktober. No. 43.
Nachrichten.
Frankfurt. Musik vom 24.
Mai bis zum 30. September.
(...)
Opern von Gewicht waren Fidelio,
Medea, Wasserträger, Aschenbrödel, Freischütz, Figaro, Entführung,
Zauberflöte, Tell und das Opferfest. Auch schritt Antigone wieder
über die Bühne, deren musikalischer Teil gewiss einer soliden
Oper gleichzustellen ist. Mehrere dieser angeführten wurden wiederholt,
welches meinen Satz, dass unser Publikum noch für Klassisches empfänglich
ist, rechfertigen mag. Kreutzers Nachtlager und Lortzings
Zar und Zimmermann ziehen, so oft sie auch gegeben werden, und Adams
Postillion, Boieldieu’s weiße Frau, die Regimentstochter und
Teufels Anteil werden immer freundlich aufgenommen. Wenn wir dazu nun noch
die unvermeidlichen Norma’s, Nachtwandlerinnen, Belisario’s. Lucrezien
nehmen, so haben wir einen kurzen und bündigen Überblick des
Opernstatus der letzten vier Monate, woraus nur noch einzelnes vorzüglich
beachtenswertes hervorzuheben ist.
(...) |
November. No. 48.
Cassel, im Oktober 1844.
(...)
Am 6. Oktober ging Lortzing’s
komische Oper “Der Wildschütz” hier zum ersten Mal in Szene. Den Erwartungen,
welche wir an dies neueste Werk des Komponisten von “Zar und Zimmermann”
machten, ist durch dasselbe auf das Vollkommenste entsprochen worden. Dasselbe
gehört zu der Gattung der Spielopern, in welchen in der Regel wenig
ausgeführtere Sologesangpiecen, dagegen aber mehr Ensemblestücke
vorkommen. Das letzter auch in diesem Werke des um die komische Oper verdienten
Komponisten wieder eben so gut angelegt, als ausgeführt, insbesondere
szenisch gut gedacht, leicht an einander gereiht und überhaupt mit
vielem Geschicke komponiert sein würden, durften wir schon im Voraus
erwarten. Wenn wir indes auch keines der erwähnten mehrstimmigen Gesangstücke
dieser Oper entbehren möchten, so würde es nach unserer Meinung
dennoch dem ganzen Werke zum Vorteile gereicht haben, wenn dasselbe mit
einigen Solopiecen mehr geziert worden wäre, für welche sich
das grössere Publikum wohl überall zunächst interessiert.
Lortzing
erwirbt sich ein nicht geringes Verdienst um die Musik, insbesondere der
Oper, indem er das musikalisch Höhere, Vollendetere - aber auch Kompliziertere
- auf die möglichst fassliche Weise, insbesondere nach dem Vorbilde
Mozart’s,
dem größerem Publikum zugänglich macht, dessen musikalischer
Geschmack durch die italienisch süßlichen und französisch
koketten Melodien der Oper des Tages sehr gelitten zu haben scheint. Nicht
nach musikalischen Rhapsodien, mit welchen sich viele neueren Tonsetzer
begnügen, sondern nach ausgeführteren, vollendeteren modulatorischen
Formen strebt Lortzing auch in den meisten Nummern dieser Oper.
Und nach der Erfahrung aller Zeiten ist gerade diese letzte Eigenschaft
der Tonstücke allein geeignet, für dieselben nicht nur dem Kenner,
sondern auch dem Laien dauerndes Interesse einzuflößen, ohne
dass sich letzterer des Grundes jemals bewusst wird, nur ist für ihn
die Wirkung solcher Musik niemals - oder doch nur selten - eine schlagende,
sondern stets eine allmählig zunehmende. Wir dürfen daher wohl
annehmen, dass bei wiederholten Aufführungen des Werkes die Teilnahme
dafür sich immer mehr steigern werde, wenn gleich die erste Aufführung
sich schon einer beifälligen Aufnahme zu erfreuen hatte. Lebhafte
Teilnahme erhielt im ersten Akt: das Lied mit Chor “A B C D, “ der Jägerchor,
in dem Finale das Lied für Sopran “Bin ein schlichtes Kind vom Lande”;
im zweiten Akt: das Duett für Sopran (Baronin) und Tenor (Baron),
die Arie des Baculus “Fünftausend Thaler”; im dritten Akt: die Arie
des Grafen, in dem Finale das Vokalquartett und der Chor der Schuljugend
“O du, der du die Tugend selber bist”. Der letztere brachte stürmischen
Beifall hervor und wurde da Capo verlangt. Herr Birnbaum (Baculus)
wurde gerufen. Obwohl wir die erste Darstellung des Werkes als eine in
den meisten Stücken gelungene zu bezeichnen haben, so leugnen wir
dennoch nicht, dass wir manches Einzelne besser ausgeführt erwartet
hätten. Um nur eines Umstandes zu erwähnen, den wir als mangelhaft
bezeichnen müssen, gestehen wir, dass wir im Gesangvortrag der weiblichen
Stimmen nicht jederzeit befriedigende Deutlichkeit der Aussprache, gepaart
mit wohltuendem Kolorit des Tonklanges, wahrgenommen haben. Namentlich
trifft dieser Vorwurf die Damen Schaub (Gräfin) und Miller
(Gretchen). Wenn auch der Vortrag von parlanten Sätzen in schneller
Bewegung dem Organe der weiblichen Stimmen - vornehmlich in der höheren
Tonlage - ungleich mehr Schwierigkeiten, als dem der männlichen darbietet,
so ist doch deren Überwindung bei angestrengtem Fleiß möglich
, und darum dürfen wir gewiss die Beseitigung dieses in der Tat störenden
Mangels dringend empfehlen. Die übrigen Partien waren folgendermaßen
besetzt: Graf von Eberbach - Herr Biberhofer; Baron Kronthal - Herr
Derska;
Baronin Freimann - Fräul. Eder; Nanette - Fräul.
Gerlach;
Pancratius - Herr Häser.
(...) |
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